Ausgangssituation
Seit Jahrzehnten ist Jordanien Aufnahmeland für Flüchtlinge aus den benachbarten Krisen- und Konfliktregionen. Menschen aus Palästina, Irak, Libanon und seit 2011 vor allem aus Syrien suchen in dem relativ stabilen Land Zuflucht. Besonders in Notsituationen sind viele Menschen auf finanzielle Unterstützung von Familienangehörigen und Freunden angewiesen, haben aber kaum Möglichkeiten, Geld einfach und kostengünstig zu empfangen und sicher zu verwahren. Syrischen Flüchtlingen ist die Eröffnung eines Bankkontos bislang nicht erlaubt und auch nur 42 Prozent der jordanischen Erwachsenen besitzen ein Bankkonto. Daher werden die meisten Zahlungen sowohl aus dem Ausland, als auch innerhalb Jordaniens, bar getätigt.
Digitale Finanzdienstleistungen können dabei helfen die hohen Risiken und Kosten zu minimieren, die das Senden über informelle Wege und über formelle Geldtransferdienstleister birgt. Für die jordanische Wirtschaft sind private Geldtransfers von im Ausland lebenden Angehörigen und Landsleuten, sogenannte Remittances, seit langem ein bedeutender Faktor: 2020 machten sie mit 3,9 Milliarden US-Dollar mehr als 9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.
Ziel
Die Voraussetzungen zur Nutzung digitaler Dienstleistungen für grenzüberschreitende Geldtransfers - Remittances - sind für Flüchtlinge und jordanische Haushalte geschaffen.
Vorgehensweise
Um Flüchtlingen und einkommensschwachen Jordanier und Jordanierinnen den Zugang zu Finanzdienstleistungen zu erleichtern und damit deren Möglichkeiten, sich selbst wirtschaftlich und sozial weiter zu entwickeln, erarbeitet die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH gemeinsam mit der jordanischen Zentralbank Lösungen für diese Zielgruppe. Digi#ances zielt darauf ab, die Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen, einschließlich grenzüberschreitender Überweisungen, von Jordanier:innen, Flüchtlingen und insbesondere Frauen, vor allem in den 3 nördlichen Gouvernoraten, zu erhöhen. Das Projekt verfolgt dabei mehrere Ansätze:
1. Pilotierung von bedarfsgerechten mobilen Gelddienstleistungen, einschließlich grenzüberschreitender Überweisungen, in Zusammenarbeit mit Akteuren aus dem privaten und nichtstaatlichen Sektor.
2. Verbesserung des regulatorischen und aufsichtsrechtlichen Rahmens für digitale Finanzdienstleistungen, einschließlich grenzüberschreitender Überweisungen per E-Wallet.
3. Durchführung von zielgruppengerechten Kampagnen und Schulungen zur Förderung des verantwortungsvollen Umgangs mit digitalen Finanzdienstleistungen.
Außerdem hatte das Projekt von 2019 bis 2022 eine Kofinanzierungsvereinbarung mit der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), um die finanzielle Inklusion und Widerstandsfähigkeit von Arbeitsmigrant:innen in Jordanien zu verbessern, indem ein Pilotprojekt für einen grenzüberschreitenden Überweisungskorridor ins Ausland durchgeführt wird. Dabei wurde der bestehende methodischen Ansatz von Digi#ances auf die Zielgruppe – Arbeiter:innen aus Bangladesch im jordanischen Bekleidungssektor - übertragen.
Wirkungen
Digi#ances trug durch Studien und technische Unterstützung in den Bereichen Aufsicht und Überwachung, Verbraucherschutz und AML/CFT zur Schaffung des regulatorischen Rahmens für mobile Zahlungsdienste, einschließlich digitaler grenzüberschreitender Überweisungen in Jordanien, bei.
Digi#ances rief 2016 die Digital Financial Services (DFS) Council, als beratendes Gremium für DFS-bezogene Reformen, ins Leben. Insgesamt wurden 15 hochrangige Treffen des DFS Councils durchgeführt. Seit 2017 wurden zusätzlich 15 DFS-"Dialoge" und Wissensaustausche organisiert, um aktuelle Themen zu diskutieren.
Darüber hinaus unterstützte das Projekt durch eine Entwicklungspartnerschaft mit dem Zahlungsdienstleister (PSP) Dinarak den Aufbau eines größeren Agentennetzwerks, was die verstärkte Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen durch Flüchtlinge und Jordanier:innen, mit zuvor keinem Zugang zu Finanzdienstleistungen, erleichtert. In diesem Zusammenhang unterstützte Digi#ances zusätzlich den Aufbau des Agentennetzwerks indem es Schulungen zum Agentenmanagement für verschiedene PSPs durchführte und eine Initiative für weibliche Agentinnen pilotierte.
Digital Financial Literacy zielt darauf ab, Flüchtlinge und Jordanier:innen mit der Nutzung von digitalen Finanzdienstleistungen vertraut zu machen. Bislang wurden 11.499 Jordanier:innen und 14.313 syrische Flüchtlinge geschult (davon waren 67% Frauen), während die Aufklärungskampagnen 403.237 Jordanier:innen und 84.404 syrische Flüchtlinge erreichten.
Im Jahr 2020 wurden zwei Pilotprojekte für grenzüberschreitende Überweisungen in Zusammenarbeit mit AyaPay (Inbound) und Dinarak (Outbound) durchgeführt.
Derzeit bieten acht Payment Service Provider mobile Geldbörsen an und 4 PSPs grenzüberschreitende Überweisungen. Über ganz Jordanien verteilt, gibt es mehr als zweitausend Agenten und mehr als dreitausend Geschäfte, welche mobile Zahlungen akzeptieren. Die Zahl der mobilen Geldbörsen hat 2 Millionen erreicht und steigt kontinuierlich an - etwa 35 Prozent der Nutzer:innen sind Frauen. Stand Februar 2023 erhalten 98% der Haushalte in Flüchtlingslagern in Jordanien die finanzielle Unterstützung von UNHCR über die Mobile Geldbörse ausgezahlt.
„Fluchtursachen bekämpfen – Flüchtlinge reintegrieren"
Das Projekt ist Teil der Sonderinitiative „Fluchtursachen bekämpfen – Flüchtlinge reintegrieren". Das BMZ stellt darin seit 2014 Mittel bereit, um kurzfristig Flüchtlinge und aufnehmende Gemeinden zu unterstützen sowie langfristig strukturelle Fluchtursachen, wie Armut, Ungleichheit oder Ernährungsunsicherheit, zu beseitigen. Finanziert werden in erster Linie Projekte in Entwicklungsländern, die von Flüchtlingskrisen besonders stark betroffen sind.